Ein Forscherteam unseres Hauses hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, nämlich dass die Gen-Produkte D-Laktat und Glykolat positive Effekte auf angegriffene Zellen haben. Genau das ist das Problem bei der Krankheit Parkinson: Nervenzellen sterben ab, wenn ihre Kraftwerke, die Mitochondrien, nicht mehr richtig funktionieren. Diesen Prozess können die beiden Stoffe aufhalten und ihm sogar vorbeugend entgegenwirken. So könnte diese Beobachtung der Grundstein zu einer neuen Therapieform für die Krankheit Parkinson werden. Und sie ist, das ist klar, ein wichtiger Hoffnungsschimmer für Patienten und deren Angehörige.

#1

WIE ALLES BEGANN

Zwei Grundlagenforscher machen eine große Entdeckung

Prof. Anthony Hyman und Prof. Teymuras Kurzchalia arbeiten beide als Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden. Die beiden Forscher haben sich in ihrer Karriere bisher nicht mit dem Thema Parkinson beschäftigt, sondern mit vollkommen anderen Forschungsfragen: Hyman möchte den Vorgang der Zellteilung besser verstehen und schaut sich an, wie Zellen dazu ihr Inneres dynamisch organisieren, um ihre Form zu verändern oder aber auch zu halten. Kurzchalia wiederum will das Rätsel lösen, wie es manchen Organismen möglich ist, ihren Stoffwechsel so umzustellen, dass sie ohne Wasser überleben können. Beide machten bei ihren Arbeiten eine ungeplante Entdeckung: Sie stolperten regelrecht über die Effekte von Milchsäure und Glycolsäure. Diese Stoffe können das Absterben von Nervenzellen bremsen und sogar verhindern – eine mögliche neue Therapie gegen Parkinson? Das Beispiel zeigt, wie schnell Erkenntnisse der Grundlagenforschung das Potenzial zu einem neuen Therapieansatz in sich tragen können.

Prof. Teymuras Kurzchalia
Teymuras Kurzchalia

Es begann beim wöchentlichen Institutsseminar, bei dem sich alle Forschungsgruppenleiterinnen und -leiter des Instituts regelmäßig austauschen und den aktuellen Stand ihrer Projekte vorstellen. An jenem Freitag war Anthony Hyman an der Reihe, und er erzählte von einem Gen, das sein Team neuerdings ins Visier genommen hatte: DJ-1. Die Arbeitsgruppe von Hyman interessierte sich dafür, inwiefern dieses Gen in den Vorgang der Zellteilung eingebunden ist und welche Aufgabe es dabei übernimmt. Hymans georgischer Kollege Teymuras Kurzchalia horchte sofort auf, denn gerade ein paar Tage zuvor hatte er herausgefunden, dass DJ-1 mit dafür zuständig ist, Fadenwürmern das Überleben bei beinahe kompletter Austrocknung zu ermöglichen – ist das Gen deaktiviert, hat der Wurm ohne Wasser hingegen schlechte Karten. Ein Gen und zwei so unterschiedliche Vorgänge wie Zellteilung und Dürreresistenz? »An molekularen Prozessen sind immer eine Vielzahl von Genen beteiligt – die große Kunst ist es, das Gen zu finden, das dabei eine besonders wichtige Rolle spielt«, erklärt Hyman. Gerade in der medizinischen Forschung, so Hyman weiter, seien schon wichtige Schritte getan, bestimmte Gene seien eindeutig mit bestimmten Krankheiten in Verbindung gebracht worden. »Warum genau aber löst ein Gendefekt dies oder jenes aus? Da kommen dann Forscher wie hier am Max-Planck-Institut ins Spiel: Die Grundlagenforschung will die Bausteine des Lebens verstehen und die Mechanismen entschlüsseln, nach denen alles abläuft.« Nach dem Seminar war den beiden Forschern sofort klar, dass das Gen DJ-1 ein solcher heißer Kandidat ist und es sich lohnen würde, weiter daran zu forschen.

Frühere Forschungsergebnisse waren eine erste Hilfe. DJ-1 wurde 1997 erstmals beschrieben und als ein Onkogen eingestuft – als ein Gen also, dessen Veränderung Tumorwachstum fördern kann. Aber auch mit der Parkinson- Krankheit wurde DJ-1 in der Forschungsliteratur in Verbindung gebracht. »Jetzt hatten wir ein Dreieck aus Zellteilung, Dürreresistenz und Parkinson – dieses Rätsel wollten wir unbedingt lösen«, erinnert sich Kurzchalia.

Bekannt war weiterhin, dass DJ-1 daran beteiligt ist, Abfallstoffe in der Zelle abzubauen. Funktioniert dieser Müllabfuhr-Mechanismus nicht richtig, dann leitet DJ-1 eine Überproduktion dieser Abfallstoffe ein – und damit auch den Zelltod. Kurzchalia hakte hier gedanklich ein: Wenn die Produkte des Gens helfen, ungewollte Stoffe abzubauen, sind sie erst mal wichtig und gut für die Zelle. Und wenn sie fehlen, dann muss das eigentlich schlecht sein – und man müsste sie einer Zelle verabreichen. »Das war der Knackpunkt, der Durchbruch«, erinnert sich der Brite Hyman. »Wenn man einer Zelle eine Substanz hinzufügt, kann man die Auswirkung beobachten: wie sich vielleicht die Form ändert, oder wie Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, ihre Aktivität verändern, oder wie Austrocknung plötzlich nicht mehr gefährlich ist.« Die Forscher hatten ihre Strategie gefunden, wie sie weiterforschen wollten.

Und dann zeigte sich, wie spektakulär die Entdeckung wirklich war: Glykolat und D-Laktat (Milchsäure), diese beiden Produkte des Gens DJ-1, wirken sich positiv auf Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, aus und können so das Absterben von Nervenzellen bremsen. Die Forscher gaben die Stoffe in kranke menschliche Zellen in der Petrischale und in Zellen von Fadenwürmern, deren Mitochondrien bereits ihre Funktion eingestellt hatten. Das Ergebnis: Der Abbau der Nervenzellen wurde gestoppt, alle Zellen wurden wieder gesund. Auch negative Auswirkungen auf Mitochondrien in Nervenzellen durch das Unkrautbe- kämpfungsmittel Paraquat konnten die beiden Stoffe verhindern. Diese Chemikalie wird in der Forschung genutzt, um Parkinson zu simulieren. »Wir sind jetzt noch weit von klinischen Studien entfernt. Aber unser Beispiel zeigt, wie leicht eine Entdeckung aus dem Labor in Richtung einer möglichen neuen Therapie gehen kann.«

Weitere Studien von Teymuras Kurzchalia offenbarten, dass Glykol- und Milchsäure in bulgarischem Joghurt und unreifen Früchten ganz natürlich vorkommen. Rein theoretisch könnte man also diese Lebensmittel konsumieren und auf die heilende oder gar präventive Wirkung ihrer Inhaltsstoffe bauen. »Das ist ja kein neuer Ansatz, dass man Naturprodukte mit ihren positiven Effekten nutzt – zum Beispiel aß man auf Schiffsreisen Sauerkraut mit viel Vitamin C als wirksames Mittel gegen Skorbut.«

Bis dieser Ansatz wirklich eine neue, etablierte Therapie sein könnte, ist es jedoch noch ein langer Weg. Die Mechanismen, um Entdeckungen der Grundlagenforschung schnell und gut zu Anwendungen oder Produkten reifen zu lassen, sind nicht gut entwickelt: »Das brauchen wir: Gute Ausstattung für die besten Grundlagenforscher und bessere Strukturen, um ihre Entdeckungen schnell in die Klinik oder in die Produktion zu bringen«, fordert Hyman. Deutschland investiert jedes Jahr rund 1,8 Milliarden Euro in die Grundlagenforschung der Max-Planck-Gesellschaft, und dies nicht nur in die Gesundheitsforschung, sondern auch in die Forschungsbereiche Chemie, Physik, sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften. »Das ist eigentlich keine große Summe, wenn man sich den enormen intellektuellen Output anschaut, der dadurch generiert wird«, sagt Hyman. »Die Politik muss weiter davon überzeugt bleiben, dass Mittel für die Grundlagenforschung gut angelegtes Geld sind: So billig bekommt man selten Gutes für die Wissensbasis einer Gesellschaft und für die Wirtschaft als Gegenwert.«

Teymuras Kurzchalia sieht es als ein Privileg, jeden Tag zur Arbeit zu kommen und Neues ausprobieren zu dürfen, einfach der Neugier zu folgen, ohne an eine Anwendung denken zu müssen. »Wir haben mögliche Anwendungen im Hinterkopf, sie setzen uns aber nicht unter Druck.« Sein Kollege Hyman pflichtet dem sofort bei: »Was einen Wissenschaftler von einem guten Wissenschaftler unterscheidet ist seine Neugier. Wenn man Forschung finanziert, die darauf brennt, neues Wissen zu generieren, dann ermöglicht man auch neue, große Entdeckungen.«

Das Projekt zeigt auch, wie wichtig es ist, als Team zusammenzuarbeiten. Die fünf Wissenschaftler, die an der Studie als Kernteam beteiligt waren, brachten jeweils ihre Expertise ein und halfen so, aus vielen kleinen Einzelsträngen eine große Entdeckung zu machen. Neben Hyman und Kurzchalia waren das der Japaner Yusuke Toyoda, Cihan Erkut aus der Türkei sowie der Spanier Francisco Pan-Montojo. »Zusammen haben wir fünf Länder und fünf verschiedene Religionen repräsentiert«, betont Hyman. »So arbeitet Top-Wissenschaft: Teams aus internationalen Experten formen sich recht schnell und lösen sich auch schnell wieder auf. Die drei Kollegen sind längst weitergewandert.«

»Die Grundlagenforschung will die Bausteine des Lebens verstehen und die Mechanismen entschlüsseln, nach denen alles abläuft«
Prof. Anthony Hyman
Anthony
Hyman
»Was einen Wissenschaftler von einem guten Wissenschaftler unterscheidet, ist seine Neugier«
Originalveröffentlichung:
Yusuke Toyoda, Cihan Erkut, Francisco Pan-Montojo, Sebastian Boland, Martin P. Stewart, Daniel J. Müller, Wolfgang Wurst, Anthony Hyman und Teymuras V. Kurzchalia: Products of the Parkinson’s disease-related glyxolase DJ-1, D-lactate and glycolate, support mitochondrial membrane potential and neuronal survival Biology Open, 25 July 2014 doi: 10.1242/bio.20149399

#2

ES GEHT

WEITER

Klinische Forscher aus der Nachbarschaft steigen in das Projekt mit ein

Prof. Heinz Reichmann blickt von seinem Büro in der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Dresden auf den blaugrünen Bau des Max-Planck-Instituts. Dass genau in der Nachbarschaft eine große Entdeckung gemacht wurde, hat ihn sofort begeistert. Reichmann kennt beide Welten: Früher hat er selbst als Biochemiker in der Grundlagenwissenschaft gearbeitet und weiß, wie der Laboralltag von Forschern aussieht. Als Neurologe und einer der Parkinson-Experten in Deutschland und weltweit ist er heute aber auch tagtäglich im Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Im Interview erzählt er, wie er den weiteren Verlauf der Studien begleiten will.

Prof. Heinz Reichmann
Heinz
Reichmann
»Lassen Sie uns hoffen, aber ich kann Ihnen nichts fest versprechen«

Herr Reichmann, Anthony Hyman und Teymuras Kurzchalia sind ja über etwas gestolpert, was gar nicht in ihrem Blick war. Wie oft werden Sie denn auf diese Entdeckung angesprochen?
Prof. Heinz Reichmann: Es ist erstaunlich, wie viele Parkinson-Patienten von dieser Veröffentlichung gehört haben, auch in der Selbsthilfegruppe scheint man davon zu sprechen. Ich würde sagen: Jeder fünfte Patient hat mich danach gefragt. Überhaupt fragen Parkinson-Patienten ständig, ob es etwas Neues in der Forschung gibt. Das kann man auch verstehen, sie sind ja immerhin jeden Tag krank, sie sind jeden Tag gehandicapt, und sie wünschen sich natürlich dringend eine Verbesserung. Bei der Publikation von Hyman und Kurzchalia merkte man gleich: Das ist den Leuten sympathisch, das finden sie nicht irgendwie schrecklich chemisch, das könnte sogar Spaß machen, jeden Tag Joghurt zu trinken. Und da wollten wirklich viele Leute mehr drüber wissen.

Als Sie sich dann die Publikation angeschaut haben – wie haben Sie das empfunden: Wie vielversprechend klang das für Sie?
Für mich war entscheidender, mit den Autoren zu sprechen. Und diese beiden Forscher, die ja hoch angesehen und seriös sind, sagten mir, dass das vielleicht alles erst mal abenteuerlich und verrückt klingen mag, dass man aber tatsächlich mit bulgarischem Joghurt Schutzfaktoren für Zellen zu sich nehmen kann. Das persönliche Gespräch hat mich noch mehr überzeugt. Und das Ganze hat mich auch sofort fasziniert. Im zweiten Beruf bin ich Biochemiker und kann mir die Stoffwechselwege also durchaus vorstellen, und insofern war die Beobachtung der beiden sehr beeindruckend. Ich habe aber auch gleich gesagt: Es gibt noch viel zu tun, bis das wirklich als Therapie beim Patienten ankommt.

Was sagen Sie dann also denjenigen, die Sie nach dem Parkinson-Joghurt fragen? Immerhin will man ja keine Hoffnungen machen, die man dann nicht erfüllen kann.
Ich fange immer positiv an und sage den Menschen, dass wir eine Hoffnung haben, und die ist durchaus berechtigt, denn Max-Planck-Spitzenforscher konnten die Wirkung dieser Substanzen in der Zellkultur nachweisen. Aber dann spreche ich auch die Probleme an. Etwa können wir den Leuten nicht irgendwelche Joghurts zu essen geben, sondern die Dosis der Substanz muss standardisiert sein. Und wir müssen aufpassen, dass man die Substanz nicht überdosiert, denn das könnte schädigend sein – ich weise nur auf den Glykolat-Skandal beim Wein hin. Das sind die Hausaufgaben, die wir momentan zu machen haben: Wie viel braucht man, damit die Substanz Wirkung hat, und ab wann wird es schädlich? Oft hat es sich auch schon gezeigt, dass Substanzen, die im Reagenzglas oder in Tierversuchen wunderbar wirkten, beim Menschen nicht funktionierten. Ich sage meinen Patienten also: Lassen Sie uns hoffen, aber ich kann Ihnen nichts fest versprechen.

Sind Sie mit den beiden Forschern weiter in Kontakt, und, sollte es zu einer klinischen Studie kommen, sind Sie dann mit an Bord?
Die beiden haben schon einige Formalitäten erledigt, zum Beispiel toxikologische Studien. Die nächste Frage ist jetzt: Wie verpacken wir den Wirkstoff? Soll das eine Kapsel, eine Pille sein? Und da hat mir Teymuras Kurzchalia berichtet, dass das schon ziemlich weit gediehen ist. Und jetzt kommt die Phase, wo wir bei der Ethikkommission nachfragen müssen, ob wir bei freiwilligen, gesunden Probanden abtesten können, ob es irgendwelche Nebenwirkungen gibt. Nach diesem Schritt kommt der entscheidendere: Dann arbeiten wir mit den ersten freiwilligen Parkinson-Patienten – dann sind wir in Phase II. Erst wenn es da gute Signale gibt, macht man eine Doppelblindstudie und kommt zur Phase III.

Sie sind ja Arzt, der Betroffene behandelt, und Forscher, der in neue Bereiche vorstößt. Wie muss man sich das Verhältnis zwischen diesen beiden Rollen vorstellen?
Ja, in meiner Brust schlagen zwei Herzen. Ich habe eine lange biochemische und molekularbiologische Vergangenheit, weil ich auf dem Weg zur Neurologie auch etwa fünf Jahre lang Grundlagenwissenschaft gemacht habe. Ich bilde mir also ein, dass ich verstehe, wie Grundlagenforscher ticken, dass ich ihre Methoden und ihre Situation im Labor gut kenne. Als Neurologe, der ich heute bin, wollte ich mich sofort mit den beiden Forschern vom Max-Planck-Institut für die entscheidenden Studien zusammentun, denn es wäre furchtbar schade gewesen, wenn diese große Entdeckung aus der Nachbarschaft nicht den Weg in meine Klinik gefunden hätte. Sollten wir nicht genügend Patienten für diese Studien finden, würden wir noch ein weiteres Zentrum dazuholen – aber ich glaube, das wird gar nicht nötig, denn schon sehr viele Patienten haben mir gesagt, sie wären sehr motiviert, mitzumachen. Wir können also das ganze Projekt von der Grundidee der beiden Forscher bis in die Klinik bei mir zusammen in Dresden durchführen. Wir als Uniklinik verstehen viel davon, wie man Effektivität evaluiert, wie man für die wissenschaftliche Welt und die Medizin Parameter findet, die zeigen, dass etwas funktioniert – da haben wir viel Erfahrung.

Welche Therapieansätze sind derzeit medizinischer Standard bei Parkinson?
Die große Entdeckung war, dass bei dieser Krankheit der Botenstoff Dopamin nicht ausreichend produziert wird. Für diese Aussage hätte man in meiner Studienzeit eine glatte Eins bekommen. Heute wissen wir, dass auch andere Botenstoffe eine Rolle spielen, und dass Alpha-Synuklein-Ablagerungen viele Zellen im zentralen Nervensystem, nicht nur in der Schwarzen Substanz des Gehirns, beeinträchtigen. Die logischste Form der Therapie ist also nicht nur, Dopamin zu geben, sondern vor allem muss der Ansatz sein, Zellen vor dieser Schädigung durch die Alpha-Synuklein-Ablagerungen zu schützen. Ob man das am besten mit Substanzen macht, mit Akkumulationshemmern, mit Antiköpern – das wird zur Zeit untersucht.

#3

DIE SACHE WIRD BEKANNT

Die Medien berichten über das Projekt, Betroffene und ihre Familien schöpfen Hoffnung

»Dresdner Forscher finden Wirkstoff gegen Parkinson«, titelte die Sächsische Zeitung am 31. Juli 2014 sogar auf Seite 1. Der Bericht löste eine Welle an Beiträgen in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen aus, die oft die vom Institut kommunizierte Chance auf eine Therapie zum gefundenen Wirkstoff verkürzten.

Keine Überraschung: Kaum hatten die Medien so über die Studie von Prof. Hyman und Prof. Kurzchalia berichtet, meldeten sich viele Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt am Institut. Ihre dringendsten Fragen: Wann gibt es eine Therapie für Parkinson? Wann ist eine klinische Studie zu den Ergebnissen geplant? Kann ich daran teilnehmen? Vielen Anrufern war jedoch sicherlich nicht bewusst, wie weit Ergebnisse in der Grundlagenforschung noch von einer klinisch erprobten und wirkungsvollen Therapie entfernt sind.

Leben mit Parkinson
Der Wunsch nach einer baldigen Therapie ist verständlich: Oft erleben Patienten nach und nach immer mehr Einschränkungen, manchmal geht es nicht mehr ohne Medikamente, eventuell müssen die Betroffenen und ihre Familien ihr bisheriges Leben grundlegend umstellen. Das macht es schwer, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Obwohl viele in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, berichten Patienten dennoch, dass Lebensfreude und Optimismus oft über- wiegen. Eine Patientin, die im Rollstuhl sitzt, betonte, dass ihre kognitiven Leistungen nicht nachgelassen haben und sie viel liest und ins Theater geht. Ein anderer Patient berichtet: »In der Beweglichkeit bin ich nicht sehr eingeschränkt. Ich fahre Fahrrad und Auto und laufe viel. Ich versuche, mir die Krankheit nicht anmerken zu lassen. Manchmal fühle ich mich etwas schwach, dann lege ich mich kurz hin.«

Menschen mit Parkinson stehen nicht alleine da: Neben der ärztlichen Betreuung gibt es zahlreiche Selbsthilfegruppen. Immerhin sind in Deutschland geschätzt 400.000 Menschen von der Krankheit betroffen. Da ist der Austausch mit anderen, denen es genauso geht wie einem selbst, eine Möglichkeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu finden oder einfach nur ein Gespräch. Andere Menschen hingegen meiden solche Gruppen bewusst, um sich nicht zu sehr mit der Krankheit zu beschäftigen und um nicht zu sehen, wie die Krankheit bei anderen verläuft.

Pipettes

Häufigkeit der Erkrankung

weltweit
6,3 Mio.

1,2 Mio.
in Europa

400.000
in Deutschland

Über die Krankheit Parkinson

Die Parkinson-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben und so die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen deutlich eingeschränkt wird. Die genauen Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig erforscht.

Eine Hauptursache der Krankheit liegt in einem Mangel des Botenstoffes Dopamin. Sterben die dopaminproduzierenden Zellen im Gehirn ab, kommt es zu Störungen im Bewegungsablauf: Bewegungen verlangsamen sich, Muskeln erstarren oder beginnen, unkontrolliert zu zittern. Mittlerweile ist bekannt, dass neben Dopamin weitere Botenstoffe eine Rolle spielen und Nervenzellen durch Alpha-Synuklein-Ablagerungen beeinträchtigt werden.

Hoffnungen und Versprechen
Viele Menschen mit Parkinson sind sehr an neuesten Forschungsergebnissen interessiert in der Hoffnung, dass zeitnah eine Therapie gefunden wird, mit der man Parkinson heilen kann. Sie informieren sich direkt oder über Bekannte und Verwandte im Internet oder in Broschüren. Manchen reicht eine sporadische Information oder man tauscht sich mit anderen Patienten aus. Von der Studie des MPI-CBG erfuhren viele Patienten aus der Zeitung, dem Radio, dem Fernsehen oder dem Internet. Viele waren hoffnungsvoll, da die meisten Medienberichte sehr optimistisch klangen. Sie wandten sich darauf an das MPI-CBG und interessierten sich für klinische Studien, sie sprachen mit ihrem Arzt über die Studie oder begannen im Selbstversuch, Joghurt und Weintrauben zu essen. Ein Patient erzählt: »Ich habe von der Studie von meinem Bruder erfahren, der davon im Internet gelesen hatte. Daraufhin habe ich mir sehr große Hoffnungen gemacht und mit Herrn Kurzchalia telefoniert. Nach dem Telefonat war ich erst begeistert, bin jetzt aber etwas enttäuscht, dass es noch nicht weiter geht. Jetzt mache ich selbst Joghurt. Schlechter ist meine Verfassung nicht geworden. Ich esse auch unreife Früchte.«

Die Hoffnung auf Heilung schwingt bei jedem neuen Bericht über Forschungs-ergebnisse mit. Medienberichte von neuen Erfolgen in der Parkinsonforschung sind jedoch oft nicht einfach einzuordnen: Was bedeutet es, wenn die Ergebnisse aus der Grundlagenforschung stammen? Betroffene berichten, dass sie davon ausgingen, dass es in sehr kurzer Zeit eine klinische Studie geben würde, weil sie eben nicht hundertprozentig wissen, wie Grundlagenforschung und der Weg zu einer neuen Therapie genau funktioniert. Es muss klar betont werden: In der Tat wurde eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und damit ein wichtiger Schritt. Es ist aber nur der erste Schritt, noch lange nicht eine exis-tierende Therapie. Das MPI-CBG betreibt Grundlagenforschung; die Ergebnisse wurden bisher im Labor erzielt, in Zellkulturen und in Zellen von Fadenwürmern. Jetzt arbeiten alle mit Nachdruck daran, zu verstehen, wie sich D-Laktat und Glykolat positiv auf die angegriffenen Zellen auswirken und welche Moleküle im Detail beteiligt sind. Eine genaue zeitliche Angabe, wie lange das dauern wird, lässt sich dazu leider nicht machen. So verständlich die Ungeduld von allen Betroffenen und deren Angehörigen ist, es wäre unseriös, Versprechen zu machen, die nicht zu halten sind. Noch gibt es keine Heilung für Parkinson – aber Hoffnung.

Die Sicht eines prominenten Patienten

Gunther von Hagens ist Arzt und Anatom. International bekannt wurde er durch das Verfahren der Plastination, bei dem in toten Körpern Fett und Wasser durch Silikonkautschuk ausgetauscht werden und die anatomischen Präparate so lange Zeit haltbar gemacht werden. Die Ausstellung »Körperwelten«, die 1996 erstmals zu sehen war und Teilpräparate sowie komplette Körperspenden aufwändig inszeniert, wurde von über 40 Millionen Menschen gesehen und kontrovers diskutiert.

Herr von Hagens, wie geht es Ihnen?
Gunther von Hagens: Es geht mir so gut, dass ich meine Lebenslust nicht verloren habe. Jedoch ohne die Tiefenhirnstimulation, die meinen erheblichen Tremor seit nunmehr zehn Jahren vollständig unterdrückt, wäre dies wahrscheinlich anders.

Können Sie beschreiben, wie die Krankheit Ihr Leben verändert hat, Sie einschränkt?
Mein mögliches Arbeitspensum hat sich auf etwa ein Drittel meiner früheren Leistungsfähigkeit reduziert.

Fühlen Sie sich ausreichend über die Erkrankung informiert? Ist viel Information hilfreich oder bedrückend?
Je mehr Informationen, umso besser. So erfreue ich mich insbesondere über die vielfältigen Informationsmöglichkeiten, die das Internet heutzutage bietet, noch dazu kostenlos.

Welche Strategien haben Sie ent- wickelt, um positiv mit der Erkrankung umzugehen?
Sport, gesunde Ernährung, Stress meiden, Arbeitsumfang dementsprechend zu planen, damit es durch nicht erledigte Aufgaben nicht zu Enttäuschung kommt. Die gerade in den letzten Jahren vielfältigen neuen Forschungsansätze lassen mich positiv in die Zukunft schauen, sie geben Hoffnung. Strikte Tagesplanung, mindesten viermal wöchentlich Sport, ausreichend Schlaf, kohlehydratarme Ernährung und Diät, die zum überwiegenden Teil aus sauren Äpfeln (Sorte Boskop), davon auch täglich frischer Apfel-Möhrensaft, aus bulgarischem Joghurt, aus Tomaten, aus Süßkar-toffeln und aus Himbeeren besteht. Außerdem trinke ich täglich einen Liter ionisiertes Wasser. Hinzu kommt ein ausgetüftelter Medikamentenmix, den ich alle vier Stunden einnehme.

Berichten zufolge essen Sie täglich bulgarischen Joghurt, weil Sie von den Forschungsergebnissen unseres Instituts gehört haben. Ist das noch so? Was hat es bewirkt?
Jeden Tag esse ich vier bis sechs Becher bulgarischen Joghurts. Wenn ich aus irgendwelchem Grund zum Beispiel eine Woche lang keinen Joghurt esse, weil ich verreist bin, dann fühle ich mich deutlich schlapper und noch eher als sonst üblich erschöpft.

Was macht Ihnen Sorge oder gar Angst?
Weder habe ich nennenswerte Sorgen, noch plagen mich Ängste. Dabei sind mir sicherlich mein nach wie vor gesundes Selbstbewusstsein und meine Willensstärke hilfreich.

Was erwarten Sie von der Forschung?
Von der Forschung erwarte ich weitere Fortschritte und gehe davon aus, dass es schon in wenigen Jahren spezifische Therapieempfehlungen geben wird, die ein Fortschreiten der Parkinson-Erkrankung verhindern und in Einzelfällen sogar ein Zurückdrängen von Parkinsonsymptomen ermöglichen.

Gunther von Hagens
Gunther
von Hagens

#4

ALLES KOMMT ZUSAMMEN

Ein Projektmanager hält auf dem Weg der weiteren Entwicklung bis zur Marktreife alle Fäden zusammen

Um aus einer Entdeckung ein Medikament zu machen, gibt es viel zu tun – und die Uhr tickt. Tim Friedrichson ist als Projektmanager angestellt, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken und den Grundlagenforschern das abzunehmen, was nicht ihr Alltagsgeschäft ist.

Nachdem Anthony Hyman und Teymuras Kurzchalia ihre Entdeckung gemacht haben, war klar: Sie wollen nun weiter ins Detail gehen und verstehen, wie die beiden Substanzen D-Laktat und Glykolat dem Absterben von Mitochondrien entgegenwirken und wie das alles mit neurodegenerativen Krankheiten in Verbindung zu bringen ist. Gleichzeitig wollten sie aber auch anfangen, die Entdeckung auf den Weg zu einer Anwendung zu bringen, bestenfalls also ein Medikament zu entwickeln, das genau die positiven Effekte der beiden Substanzen ausnutzt. Das bedeutet, dass man die klassische Grundlagenforschung verlässt, sich also weg von Experimenten nur mit Würmern bewegt, und die Wirksamkeit auch an Humanzellen oder in Tiermodellen testen muss. Und dann gibt es ein riesiges Paket an weiteren Tests, bevor man überhaupt in die klinische Forschung einsteigen kann: Sicherheitspharmakologische Untersuchungen, Tests zur Stabilität der Substanz, zu Nebenprodukten und deren Toxizität etwa. Zudem muss die Substanz entsprechend aller Richtlinien zur Qualitätssicherung hergestellt werden können. Erst wenn dieses umfangreiche Datenpaket erhoben ist, kann man sich um eine Genehmigung bewerben, die Wirksamkeit einer Substanz auch im Menschen testen zu dürfen.

Um genau bei diesen vielen Aufgaben nicht den Überblick zu verlieren und um sich auf die Forschung konzentrieren zu können, haben sich Hyman und Kurzchalia einen Projektmanager an Bord geholt, der Experte auf dem Feld ist: Tim Friedrichson arbeitete schon an der Schnittstelle von präklinischer Forschung und klinischer Entwicklung, etwa für das Biotech-Start-Up Jado Technologies, das sich der Entwicklung einer neuen Generation von pharmazeutischen Produkten verschrieben hatte. »Die vielen Vorstudien und alles drum herum gehört nicht zum Alltagsgeschäft eines Grundlagenforschers, so bin ich ins Boot gekommen«, erinnert sich Friedrichson.

Prof. Tim Friedrichson
Tim
Friedrichson
»Jeder Patient will ein sicheres, vernünftig getestetes Medikament«

Das Netzwerk an Partnern wächst
Die vielen Hürden, die man bei der Medikamentenentwicklung nehmen muss, sind keine Schikane, sie sollen vielmehr verhindern, dass unausgereifte Produkte auf den Markt kommen und Schaden anrichten. So viel Zeit sie auch in Anspruch nehmen, die vielen Vortests sind ein wirksames Mittel gegen weitere Arzneimittelskandale mit Medikamenten, die zu früh zum Patienten kamen, wo sich schwerwiegende Nebenwirkungen zeigten oder es gar zu Todesfällen kam – genannt sei nur der Contergan-Skandal. »Das will niemand. Jeder Patient will ein sicheres, vernünftig getestetes Medikament«, so Friedrichson. Das macht den ganzen Prozess langwierig und auch kostenintensiv. »Wenn man die gesamte Pipeline durchläuft, rechnet man beispielsweise bis zur klinischen Phase II grob mit zwei bis zehn Millionen Euro«, erklärt Tim Friedrichson. Teil seines Jobs ist es deswegen auch, Partner zu identifizieren und, wenn sinnvoll, ins Boot zu holen – das können strategische Investoren mit Venture-Kapital sein oder Partner aus der Pharmaindustrie. Mit ihnen teilt man sich dann die Kosten und auch das Risiko. Ein Pharma-Partner schwebt den Max-Planck-Forschern am ehesten vor: »Da strecken wir momentan schon die Fühler aus.« Das Netzwerk, das Tim Friedrichson zudem betreut, besteht aus vielen Partnern: Etwa am eigenen Haus aus dem Biomedical Service des Instituts mit seinem Leiter Jussi Helppi und der Tierärztin Barbara Langen, die beim Design der Tierexperimente helfen. Oder der Screening Facility, die im Hochdurchsatz Substanzen an menschlichen Zellen testet. Sowie aus externen Partnern an der TU Dresden wie Prof. Ali El-Armouche von der Pharmakologie und Toxikologie und Dr. Oertl von der klinischen Pharmakologie: »Er kann D-Laktat in Blutproben messen, das ist nicht trivial, sondern da braucht man sehr spezielle Methoden.« Es gibt Hinweise, dass D-Laktat auch unerwünschte Effekte auf Herzmuskelzellen haben könnte, deswegen arbeitet das Team auch schon mit Partnern aus der Kardiologie in diese Richtung. Und im Kontakt mit Prof. Heinz Reichmann, dem Parkinson-Experten, ist Tim Friedrichson natürlich auch: »Er steht dem Projekt ja sehr offen gegenüber, aber sagt natürlich ganz klar: Bevor er das an seinen Patienten testen kann, muss nachgewiesen sein, dass alles sicher ist.« Reichmann ist auch der Schlüssel für Friedrichson, um die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zu verstehen, und die will er besonders im Blick haben.

Die Uhr tickt
Wie lange dauert es noch? Das ist die gefürchtete Frage, die Tim Friedrichson immer wieder von Betroffenen und deren Familien hört. »Und klar, aus Patientensicht würde ich natürlich auch immer sagen: Zu lange!« Der gesamte Prozess, den ein zukünftiges Medikament von der Entdeckung bis zur Zulassung durchläuft, dauert in der Regel zehn bis zwölf Jahre – bei Medikamenten, die mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu tun haben, auch gerne mal sechzehn Jahre. »Aber das abzukürzen und schneller in klinische Tests zu gehen, ist kaum möglich. Es wäre auch einfach zu riskant und nicht verantwortungs-voll.« Ein weiteres Problem: Tiermodelle, die genutzt werden, bilden nur einen Ausschnitt des Krankheitsbildes ab, nie die gesamte Realität. Deshalb bietet es sich an, in mehreren Modellen zu testen. Und dann spricht Friedrichson nochmals das Geld an: Ein Grundlagenforschungsinstitut ist gar nicht darauf vorbereitet, all diese Studien zu wuchten – weder organisatorisch noch finanziell. Weitere Zeit fließt also auch in die Einwerbung von Drittmitteln, um Studien mit einer Finanzierung zu untermauern. Anträge schreiben, Projektmittel verwalten – all das ist sehr zeitintensiv und frisst weitere Energie auf.
Stolpersteine gibt es auf dem langen Weg natürlich auch, Probleme, mit denen niemand gerechnet hat. Etwa steckt ein Testsystem für Substanzen von der Entwicklung her noch in den Kinderschuhen und funktioniert nicht wie gewünscht, deshalb hinkt das Team jetzt im Zeitplan etwas hinterher. Doch im Großen und Ganzen läuft bisher alles nach Plan und Tim Friedrichson ist zufrieden: «Da es sich um natürliche, im Menschen vorkommende Substanzen handelt, haben wir hier den großen Vorteil, dass bestimmte Entwicklungsschritte sogar zügiger ablaufen könnten.« Dieser Umstand könnte auch helfen, schneller Wege zu finden, um unerwünschte Effekte oder Nebenwirkungen abzustellen. In den Medien wurde oft berichtet, dass Forscher einen Anti-Parkinson-Joghurt entwickeln wollen. Friedrichson korrigiert dieses Bild: Die große Vision, die am Ende steht, ist wohl eher kein Joghurt, sondern ein Arzneimittel: »Aber wir müssen herausfinden, welche Konzentration, welche Dosen der Substanz wirklich wirksam sind, und wie genau sie wirken.« Das wird noch einige Jahre dauern.

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